In diesem Kapitel erhalten Sie Informationen über die Einrichtung des KZ-Aussenkommandos Kaltenkirchen, über den Lageralltag und die Bewachung der Häftlinge. Sie erfahren etwas über die Häftlinge, die Lagerverwaltung, über die unmenschlichen Arbeits- und Lebensbedingungen in diesem Lager, über die Toten und die Evakuierung zum Ende des Krieges.

Einrichtung des KZ-Außenkommandos Kaltenkirchen

Im Spätsommer des Jahres 1944 entstand das KZ-Außenkommando Kaltenkirchen in Springhirsch. Das System der Konzentrationslager hatte anfangs der Ausschaltung der politischen Gegner gedient und führte nun während des Krieges Arbeitskräfte der Kriegswirtschaft zu. Über 500 KZ-Häftlinge aus Neuengamme wurden bei den Arbeiten für die Verlängerung der Start- und Landebahn in Kaltenkirchen eingesetzt. Ihre Lebens- und Arbeitsbedingungen waren derart, dass viele von ihnen zu Tode kamen. Die Häftlinge kamen aus vielen europäischen Ländern. Die meisten waren Russen, Ukrainer, Polen und Franzosen.

Dem Lagerführer unterstanden zwei bis drei weitere SS-Offiziere. Die Wachmannschaft bestand aus 85 älteren, nicht fronttauglichen Soldaten der Luftwaffe. Da die Sterberate der Häftlinge sehr hoch war, wurden die „Abgänge“ immer wieder durch Neuzuführungen aus dem KZ-Neuengamme aufgefüllt.

Als Lagerführer wurde der SS-Hauptsturmführer Otto Freyer aus Stuttgart eingesetzt. Er wurde als Wehrmachts-Hauptmann von der SS übernommen und trotz seines Widerstrebens als Lagerführer nach Kaltenkirchen geschickt. Freyer wurde im Januar 1945 auf sein Drängen aus der SS entlassen und durch einen Nachfolger, den SS-Hauptsturmführer Bernhard Waldmann aus Lünen/Westfalen ersetzt. Waldmann verhängte Maßnahmen zu Lasten der Häftlinge. Er verlängerte die Arbeitszeit und reduzierte die Verpflegung. Er war damit für die schnell steigende Zahl der Toten im Winter 1945 verantwortlich.

Dem Lagerführer unterstanden 2 bis 3 SS-Unterführer, namentlich bekannt ist nur SS-Rottenführer Ernst Lange.

Funktionshäftlinge mussten die Befehle der SS gegenüber den Kameraden durchsetzen. Der Lagerälteste war Johannes Wehres, in Haft wegen Beteiligung am kommunistischen Widerstand.Er hatte nur geringen Spielraum, die Häftlinge vor den schlimmsten Folgen der unmenschlichen Haftbedingungen zu schützen.

Sergiusz Jaskiewicz war der Lagerschreiber. Seine Aufgabe bestand in der Buch- und Karteiführung und in Arbeiten im Innenbereich des Lagers. Seinen heimlichen Aufzeichnungen der Namen der Häftlinge ist zu verdanken, dass wir die Namen vieler Häftlinge heute kennen.

Ein weiterer Funktionshäftling war der Tischler Richard Tackx, der als Leiter des Beerdigungskommandos vielen Toten heimlich Grabbeigaben mit ins Grab gab, anhand derer ihre Identität bei den Exhumierungen nach dem Kriege nachvollzogen werden konnte.

 

Der Lageralltag

Er war geprägt durch schlechte Hygiene, durch geringe medizinische Versorgung, durch tägliches Strammstehen im oft stundenlangen Zählappell bei Kälte und Nässe in unzureichender und verschmutzter Kleidung, durch vielfältige weitere Demütigungen, Schläge, Fußtritte, Strafgymnastik und Essensentzug.

 

Befreite Häftlinge in Wöbbelin Foto: Ralph Forney  4.5.1945, Archiv:  NARA/ United States Holocaust Memorial Museum USHMM, Signatur: 10585 Befreite Häftlinge in Wöbbelin Foto: Ralph Forney 4.5.1945, Archiv: NARA/ United States Holocaust Memorial Museum USHMM, Signatur: 10585 Die Arbeit draußen an der Start- und Landebahn unter Aufsicht örtlicher Firmen, die Fußmärsche dorthin und zurück taten das Übrige, um viele Häftlinge physisch und psychisch zugrunde zu richten. Unter der Bezeichnung „Muselmänner“ verstand man in den deutschen Konzentrationslagern, auch in Kaltenkirchen, die zugrunde gerichteten Häftlinge, die in der Regel die Widerstandskraft und den Lebenswillen aufgegeben hatten. Ihr Zustand war das Ergebnis der Misshandlungen und Entbehrungen des Lageralltages. Sie waren entweder zu Skeletten abgemagert oder durch Ödeme aufgedunsen und mit Geschwüren bedeckt. Nur wenige überlebten diesen Zustand.

 

Sicherung und Bewachung des Lagers

Das gesamte Lager war mit einem doppelten Stacheldrahtzaun umgeben, dazwischen patrouillierten die Wachposten. An den vier Ecken war jeweils ein hölzerner Wachturm errichtet. Die Anzahl der Häftlinge wurden täglich durch Zählappelle kontrolliert. Die Toten des Tages mussten von den Überlebenden zum Zählappell mitgeschleppt werden. Flucht war so gut wie unmöglich.

 

Behandlung der Häftlinge

Die Grausamkeit mancher Wachsoldaten und Kapos richtete sich vor allem gegen die Angehörigen der slawischen Völker, also gegen Russen und Polen, die nach einem in Deutschland weit verbreiteten Vorurteil als rassisch und kulturell minderwertig galten. Strafen gab es für jede Kleinigkeit in Form von Essensentzug, Schlägen, Fußtritten und Einsperren im Strafbunker. Als sehr schlimm wurde die Ausdehnung des Zählappelles am Abend über Stunden hinaus beschrieben. Dies alles hat viele Häftlinge physisch und psychisch zerbrochen.

Im Lager anfallende Arbeiten wurden durch die Funktionshäftlinge ausgeführt. Teilweise wurden die Häftlinge auch außerhalb des Lagers bei Firmen und Privatpersonen für die Ausführung von Arbeiten eingesetzt.

Die Unterkünfte, „Stuben“ genannt, waren dichtgestellt mit 2-stöckigen Bett-Stellagen, die sich die Häftlinge mit anderen teilen mussten, weil es im Lager nicht für jeden Häftling eine eigene Pritsche gab. Die Ernährung war auf ein Minimum zum Überleben eingestellt. Bekleidung und Hygiene waren mangelhaft. Die Bekleidung konnte kaum gewaschen werden, für die 500 Mann starke Lagerbelegung stand nur ein 52 m2 großer Waschraum zur Verfügung. Dies war völlig unzureichend für eine hinreichende Körperreinigung. Dieser Mangel trug auch wesentlich zum hohen Krankenstand bei.

 

Die Häftlinge

Die meisten Häftlinge kamen aus der ehemaligen UdSSR. Sie waren zum größten Teil Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene, die zur Strafe in das KZ Neuengamme eingewiesen wurden. Die zweitstärkste Gruppe bildeten die Polen. Bei den zahlreichen Franzosen handelte es sich, soweit bekannt, überwiegend um Widerstandskämpfer oder um Geiseln. Weitere Herkunftsländer der Häftlinge waren Algerien, Tunesien, die Niederlande, Belgien, Deutschland, Jugoslawien, Italien und Spanien.

Neben den bereits beschriebenen Einzelschicksalen der Funktionshäftlinge gibt es noch Berichte von anderen Häftlingen. Zum Beispiel die Geschichte des katholischen Priesters Abbe Louis Besancon, verhaftet wegen Widerstandes gegen die deutsche Besatzung und des Dominikanerpaters Humbert, der als Anhänger von General de Gaulles als Geisel deportiert wurde.

In dem in der Gedenkstätte zur Verfügung stehenden Film "Das vergessene Lager" ist ein Interview mit einem der ehemaligen Häftlinge dokumentiert. Roger Remond wurde aus dem französischen Conliege verschleppt und überlebte als einziger der sieben Deportierten seines Dorfes trotz schwerster körperlicher Schwächung. 

Die KZ-Gedenkstätte hält Kontakt zu einigen Angehörigen der Häftlinge. Die Angehörigen des Niederländers Arie Roders besuchten ab 2004, Nachfahren des Franzosen Henri Canard 2006 die Gedenkstätte. Angehörige französischer Häftlinge suchen in regelmäßigen Pelerinages der "Amicale de Neuengamme" die Gedenkstätte auf.

Wenn auch nicht direkt mit der Geschichte des Lagers, so aber doch mit dem Gelände des Militärflughafens Kaltenkirchen ist das Schicksal des deutschen Unteroffiziers Fred Göttner verbunden, der auf der Hinrichtungsstätte des Militärflugshafens ermordet wurde. 


 

Widerstand

Es gab manche Versuche, dem Vernichtungswillen der SS entgegenzuwirken. Der Widerstand drückte sich in heimlicher Listenführung des Lagerschreibers Jaskiewicz aus, in illegalen Grabbeigaben zur späteren Identifizierung der Toten, durch Fluchtversuche und durch uneigennützige Hilfen, die zwei Einwohnerinnen von Springhirsch einigen Häftlingen zukommen ließen. Der Widerstand reichte noch bis zur Evakuierung des Lagers, als es gelang, ein Radio illegal in das KZ-Wöbbelin zu schmuggeln, wodurch die Häftlinge Nachrichten vom Kriegsverlauf hören konnten, was eine große Ermutigung für sie war.

 

Die Toten

Freigelegter Sarg bei Exhumierung. Foto 1951, Archiv: Richard Tackx / Sammlung Dr. h.c. Gerhard HochFreigelegter Sarg bei Exhumierung. Foto 1951, Archiv: Richard Tackx / Sammlung Dr. h.c. Gerhard HochDie täglich anfallenden „Abgänge“, die Toten, wurden jeweils morgens vom Beerdigungskommando abgefahren. Es stand unter der Leitung des französischen Häftlings Richard Tackx. Tackx war Tischler und fertigte in der Lagertischlerei Särge an.  Zum Transport der zuvor entkleideten Leichen benutzte man einen zweirädrigen Karren. Die Särge wurden in der Regel nur zum Transport der Leichen verwendet. Die Toten wurden am Begräbnisort einfach in die Grube gekippt, in Moorkaten gruppenweise neben- oder übereinander. Nur Franzosen wurden gelegentlich im Sarg begraben. Bezüglich der Leichen der Osteuropäer hieß es: „Weg mit dem Dreck!“ Ein größerer Beerdigungsplatz lag in Moorkaten. Aber die Beerdigungen fanden auch an anderen Plätzen statt. Berichte sprechen von langen, mittleren und kurzen Beerdigungstouren. Nur der Platz in Moorkaten ist heute bekannt und würdig gestaltet. Die derzeit gesicherte Zahl der Toten, soweit sie sich namentlich nachweisen lassen, lautet 230. Tatsächlich sind in der Zeit des Lager von Aug.1944 bis Apr.1945 mehr als 500 Menschen zu Tode gekommen. 

 

Evakuierung

Evakuierung / Leichen in Wöbbelin Foto: Mai 1945, Archiv: NARA / USHMM, Signatur 37315AEvakuierung / Leichen in Wöbbelin Foto: Mai 1945, Archiv: NARA / USHMM, Signatur 37315ANach massiven Bombenangriffen durch alliierte Bomber wurde das Lager am 16. April 1945 geräumt. Die Häftlinge wurden mit der AKN ins Lager Wöbbelin überführt, wo die Bedingungen für sie noch grausamer waren als in Kaltenkirchen. „In diesem Lager kämpfte man jeden Tag ums Überleben. Die Leute waren wahnsinnig vor Hunger“ schrieb der Kaltenkirchener Häftling B. Krajewski.

 

 

 

 

 

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